Kommunikation – Von der Wonne des persönlichen Treffens
Eine ganz persönliche Sicht
Von K. Heer
Im Lateinischen heißt das Wort communis: was allen gemeinsam ist. Communicari heißt so viel wie: teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen. Bei einer Kommunikation geht es um das Mit-teilen von Informationen und Botschaften, aber auch um das Teilen einer Sache, die Teilnahme an einer gemeinsamen Situation, um Teilhabe und Anteilnahme.
So funktioniert auch Kommunikation im Marketing-Sinne: Es geht um eine Botschaft, die eine Organisation, eine Firma oder Institution nach außen tragen möchte. Diese wird von der Öffentlichkeit wahrgenommen, und es gibt ein Feedback, eine Rückmeldung. Günstigstenfalls, indem die angebotene Dienstleistung, das Produkt häufiger gekauft wird oder weil z.B. das Spendenaufkommen sich erhöht. Kommunikation bedeutet also immer Gegenseitigkeit, so oder so.
Guten Morgen per SMS?
Wie aber funktioniert das eigentlich heute? In Zeiten, in denen wir länger brauchen, um unserem Nachbarn ein müdes „Guten Morgen“ zuzurufen als die Tasten unseres Handys für die gleiche Botschaft via SMS zu bedienen. Bei der Gelegenheit: Wussten Sie, dass der Weltrekord im SMS-Tippen bei 160 Zeichen in 21,8 Sekunden liegt? Heutzutage mutet es ja fast komisch an, wenn man die Entschuldigung für das Fernbleiben der Kinder in der Schule wegen akuter Mittelohrentzündung handschriftlich macht. Und damit geht es schon los – oder haben Sie noch Briefpapier zu Hause? Geschweige denn einen funktionierenden Kugelschreiber ... Meine Erfahrung spricht Bände.
Gehse Fußball?
Und dann stehe ich auf einem Schulhof in Mülheim und höre Kindern zu, wie sie miteinander sprechen – oder soll ich lieber sagen: sich gegenseitig anblaffen? Denn so hört es sich in meinen Ohren an: Eher wie das Bellen vieler Hunde, mal ärgerlich, mal genervt, selten freundlich – aber immer kurz und bündig. „Gehse Fußball?“, höre ich und übersetze mit: Hast Du heute Fußballtraining? „Nee“, antwortet der befragte Dreikäsehoch, „imma Montach und Mittwoch.“ „Ich Dienstach ...“ O.k., das ist nicht der Name des Jungen, sondern die Beschreibung seiner Trainingszeiten. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter: Was für eine reduzierte Art zu sprechen! Kein Wort zu viel, bloß keine Präposition oder gar einen Artikel! Die Zeit scheint es heute nicht mehr zu geben. Und dennoch muss ich zugeben: Die Kommunikation – und fällt es mir noch so schwer, sie als solche zu bezeichnen – funktioniert. Die Botschaft wurde gesendet, empfangen, verstanden und es gab ein Feedback: „Nee, ich Dienstach.“ Alles klar? Ich fühle mich alt.
Der Faktor Zeit
Halt, denke ich, warum ist das eigentlich so? Wieso hat niemand mehr Zeit? Weil die Kinder heutzutage „Montach, Dienstach, Mittwoch und Donnerstach“ verplant sind? Weil die Eltern eben dieser Kinder nahezu alle arbeiten, extrem mit sich beschäftigt sind und wenn beides gerade nicht der Fall ist, die Kinder vom Fußballtraining zum Blockflötenunterricht fahren? Und da bleibt dann eben schon mal einiges auf der Strecke ... „Fußball dann Flöte“ – würde man heute wohl sagen. Oder das Ergebnis ist, dass die Kinder 172 Stunden vor der Spielkonsole „chillen“. Die bevorzugten Spiele heißen übrigens nicht „Dr. Duden“ ... Krass.
Die Unsitte via E-Mail
Das Ganze grenzt für mich ans Groteske, wenn sich Menschen, die mir eben noch durchaus normal erschienen, ein schickes „lol“ zurufen (siehe vorne) oder es nicht einmal mehr schaffen, die Mail mit einer Anrede zu versehen. Ich kriege täglich an die 100 Mails. Ich beantworte eine ähnlich hohe Anzahl und schreibe selbst etwa 30. Aber ich schreibe keine Mail ohne ein „Guten Tag“ zu notieren und ende auch stets mit freundlichen oder besten Grüßen. Auch Interpunktion und ganze Sätze finden bei mir Zeit und Raum. Und wie häufig ärgere ich mich über diese Mails, die vor lauter Wahn zu simplifizieren den normalen Umgangston vermissen lassen. Die plötzlich nahezu barsch klingen, so dass ich mich frage, ob diesem E-Mailverkehr irgendein Problem vorausgegangen ist? Ich habe es mir angewöhnt, eben das nachzufragen. Meinetwegen per E-Mail, aber mit einem „Guten Morgen“ oder „Lieber Herr Soundso“. Soviel Zeit muss einfach sein.
Nichts gegen E-Mail – aber bitte ausformuliert!
Ich bin nicht gegen E-Mails, auch SMS kann man sich schreiben. Meinetwegen kann man auch die eigene Sprache verschlanken, bitte sehr. Aber ich finde, dass man sich an gewisse Umgangsformen halten sollte – und an die Regeln der deutschen Grammatik.
Alles im Affenzahn
Was übrig bleibt, sind nämlich Kinder, die alles nur noch in einem Affenzahn bewältigen, Artikel nicht mehr kennen und ein ausgiebiges Gespräch unter Freunden für überflüssig halten. Wie sollte das auch anders sein, schließlich findet man heutzutage „Freunde“ via Mausklick auf Facebook und „Gespräche“ funktionieren über die Tastatur im Chat oder per Post an der Pin-Wand. Diese Kinder erfahren kaum noch, dass man mit ihnen spricht – also wirklich SPRICHT. Viele sind nahezu irritiert, wenn man ihnen plötzlich zuhört. Sie wissen gar nicht, dass zu einer gelungenen Kommunikation gehört, dass man sich aufeinander einlässt. Dass man zuhört, wahrnimmt, sich angemessen mitteilt und manchmal auch mit Geduld und Spucke etwas ausdiskutiert. Oder besser mit Artikel und Präposition. Sie verstehen schon ...
Ein persönliches Gespräch: Was für eine Wonne!
Zeit scheint Mangelware – ganz egal, ob wir eine E-Mail tippen oder uns miteinander unterhalten. Und dabei ist es doch eine Wonne, wenn ich meine Freundin persönlich treffe und wir bei einem Gläschen Sekt oder zwei den Abend durchquatschen. Und das mutet so altmodisch an, dass an dieser Stelle nur der Begriff WONNE passt. Ob meine Kinder, das Wort überhaupt kennen ...? Ich habe Hoffnung, diese Frage mit „Ja“ beantworten zu können. Denn, wenn die Abendsonne in den Garten fällt, verquatschen wir uns schon mal spontan mit den Nachbarn und landen zum improvisierten gemeinsamen Abendessen auf deren oder unserer Terrasse. Und das finden unsere Kinder herrlich – oder gar wonnig?! Und wir auch. Auch in Zeiten wie diesen – probieren Sie es mal wieder aus!
Bild: © Dieter Schütz / pixelio
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